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1. Rolle



"Scheiße", dachte die Sonne, "das ist doch alles eine verquirlte Scheiße!" Sie hasste diese Sommertage, an denen sie immer so saumäßig früh aufzustehen hatte. Hätte sie eine Nase gehabt, sie hätte sie gestrichen voll.

Schlaftrunken blinzelte sie über den Horizont. Sie ignorierte die Tautropfen und andere Nachtschwärmer, die fröhlich glänzten. Sie lauschte einer Nachtamsel, die immer besonders früh aufstand und ihr Morgenlied sang von wegen wie schön es sei, dass die Sonne aufgegangen war, wie schön, dass die Nacht vorbei war, wie schön es wäre, wenn es statt des unsinnigen Wassers einmal Regenwürmer regnen würde, wie schön es wäre, wenn die Katzen genauso groß wären wie Blaubeeren, genauso rund und genauso schmackhaft.

Nachtamseln waren stinklangweilige Vögel.

Die Sonne verstreute ihre Strahlen über Atlantis. Sie verteilte ein paar über dem Wald der Unendlichkeit, sparte sich welche für den Sumpf der Verdammten auf und ließ welche auf die Eisenwüste fallen. Überall war tote Hose (Die Nachtamseln zählte sie auf Seiten der toten Hosen mit). Sie warf ihre Strahlen auf Bäume und Tiere, auf Riesen und Eiderechsen, auf Holmentrolle und Gewitterziegen. Sie strahlte auf Dörfer und Felder und Tempel, doch alles schlief noch. Sie warf einen Blick auf das Orakel von Plumpuddington, auf die fettenden Felsen, auf die wandernden Berge und auf die Hauptstadt von Atlantis. Und stellte überrascht fest, dass dort, im Gegensatz zu anderen Tagen, bereits die Hölle los war. Oder genauer: im königlichem Schloss in Atlantis, denn Königin Helena, die zumindest ein bisschen Schöne, lag in ihrem Bett und grünte vor sich hin, was ihr überhaupt nicht stand. Die besten Ärzte des Landes waren um ihr Bett versammelt und kamen überein: die Königin war vergiftet worden. Sie stellten ihre Diagnosen (wobei jeder ein anderes Gift im Krankheitsbild erkannte), wählten ihre Heilmittel (wobei jeder ein anderes wählte) und gerieten sich darüber in die Haare (wobei jeder in die eines Anderen geriet). Sie schimpften, fluchten und stritten so lange, bis die beiden letzten Überlebenden sich auf ein Mittel einigen konnten. Sie flößten es Königin Helena, der zumindest ein bisschen Schönen, ein, und diese lief Blau an und starb (wobei ihr dieses Blau wegen ihrer Sommersprossen besser zu Gesicht stand als zuvor das Grün, das war immerhin ein kleiner Erfolg). In der Ecke des Zimmers stand Agamemme, der königliche Berater, betrachtete missmutig die Szene und brütete über einigen Gedanken, die sich zu schlüpfen weigerten. Er war ein groß gewachsener Mann mit grauen Haaren. Sein Kopf wirkte viel zu klein auf dem massigen Körper, der schon eine ganze Menge Wohlstand um die Hüften herum angesetzt hatte, sein Gesicht war in die Breite gezogen. Dadurch standen seine Augen so weit auseinander, dass er fast aussah wie eine Eule. Nur seine Nase, groß und rund wie eine Kartoffel, widersprach diesem Eindruck.

Als die Ärzte die tote Königin in ihrem Bett betrachteten und begannen, darüber zu diskutieren, wie man die blaue Farbe im Gesicht in einen orangefarbenen Anstrich verwandeln könnte (denn das würde noch besser zu den Sommersprossen passen), verließ Agamemme das königliche Schlafzimmer und schmetterte die Tür hinter sich zu. Das Schmettern war nur für den Fall, dass jemand an seinem tief empfundenen Schmerz über den Tod der Königin zweifeln würde. Er wanderte durch die Gänge des königlichen Schlosses und trat in den Schlossgarten, der morgentlich sommerte. Nachdenklich betrachtete er die Pinien, die lange Schatten warfen auf die bunten Blumenbeete, die extra für die Königin angelegt worden waren. Und jetzt nicht mehr so wahnsinnig viel Sinn zu machen schienen.

Azilles, der Berater des Beraters der Königin, folgte ihm aus dem Schloss. Oder besser, er rannte ihm hinterher. Und weil er nicht genau wusste, was er eigentlich tun sollte, nachdem er Agamemme eingeholt hatte, fing auch er an, nachdenklich die Bäume zu betrachten. Und die blöden Nachtamseln.

Schweigend liefen die beiden Männer nebeneinander bis zu dem Bach, der den Garten von der übrigen Stadt trennte.

"Ist das deine Idee gewesen?" brach Azilles, der Berater des Beraters der Königin, schließlich das Schweigen.

"Was?" fragte dieser.

Azilles blickte wortlos zurück zu dem Schloss, aus dem sie gerade getreten waren und in dem noch immer Königin Helena, die zumindest ein bisschen Schöne, lag und scheinbar nichts anderes mehr zu tun gewillt war als einen außerordentlich toten Eindruck zu machen.

"Wie kommst du darauf?" erwiderte Agamemme.

"Ich kenne dich."

Erneutes Schweigen.

"Was nun?" hakte der Berater des Beraters der Königin nach.

"Nun, ich denke es wird darauf hinauslaufen, dass wir einen neuen König bekommen", erwiderte Agamemme.

"Du kannst dich nicht zum König machen", erriet Azilles die Hintergedanken seines Chefs. "Niemand wird dich anerkennen."

Agamemme grinste ihn nur an.

"Vergiss es", meinte Azilles. "Daran sind schon andere gescheitert. Wie Roland der Rasende."

"Du meinst Angela die Abstoßende."

"Nein, ich meinte Erwin den Ekeligen. Wen willst du jetzt zum König machen? Die wachsen schließlich nicht auf Bäumen."

"Ja, das stimmt, die Zeiten sind vorbei", gab Agamemme zu. Er dachte sehnsüchtig zurück an die alten Zeiten, als man in Atlantis einfach einen Apfel vom Baum pflücken und ihn zum König erklären konnte. Leider war damals dann jeder mit seinem eigenen zum König erklärten Apfel angekommen, und die Leute hatten damit begonnen, die Könige der anderen Leute erschlagen zu wollen. Es war ein einziges Chaos gewesen, doch immerhin war auf diese Weise das Apfelmus erfunden worden.

"Ich werde die Königin heiraten", erklärte Agamemme. "Dann bin ich König."

"Wie willst du das denn anstellen?" Azilles starrte ihn ungläubig an. "Königin Helena, die zumindest ein bisschen Schöne, ist tot, falls du das schon wieder vergessen hast. Und wenn sie noch am Leben wäre, würde sie dich ebenso wenig heiraten."

"Genau deshalb ist sie jetzt ja tot."

Azilles starrte seinen Chef verwirrt an.

"Komm mit!" sagte Agamemme. Er führte seinen Berater den Bach entlang, und zwischen den Bäumen wuchs der Landsitz, das vor einiger Zeit für den Vorgänger der jetzigen - oder genauer genommen: jetzt nicht mehrigen - Königin gebaut worden war. Jeder hatte sich damals gefragt, wozu der König einen Landsitz brauchen würde, der nur zweihundert Meter von seinem eigentlichen Schloss entfernt lag. Doch die Argumentation des damaligen Beraters des Königs war überzeugend, denn a) brauchte ein König einen Landsitz, b) hasste der damalige König Erwin Pferde, so dass nur ein Landsitz möglich war, der auch zu Fuß erreichbar war, c) war König Edmond schlecht zu Fuß, so dass der Fußweg zum Landsitz nicht so weit sein konnte und d) wurde es unter Strafe gestellt, irgend einen Zweifel an dieser Argumentation zu haben.

Der Berater der Königin führte den Berater des Beraters der Königin in den Landsitz hinein. Er war dabei so aufgeregt, dass er fast lief, und der Berater des Beraters der Königin dabei ein wenig außer Atem kam, als er ihm folgte. Einst hatte er seinen Lebensunterhalt als Schoßhund verdient, hatte auf den Knien alter Damen gesessen und sich kraulen und mit Pralinen füttern lassen, bis sein Arzt ihn auf Diät gesetzt und ihm die Pralinen verboten hatte. Seit dem hatte er umgeschult auf Berater von königlichen Beratern, und das recht erfolgreich. Was ihm jedoch von seinem früheren Leben noch geblieben war, waren seine ausgesprochene Fettleibigkeit und die Angewohnheit, in Gegenwart von Pralinen jedem ein tröstendes Wort an den Kopf zu werfen, ganz gleich, ob derjenige es haben wollte oder nicht.

Sie gingen durch den langen, dunklen Flur des Landsitzes, und als sie vor dem Arbeitszimmer des Beraters der Königin angekommen waren, öffnete dieser die Tür einen Spalt weit und ließ den Berater des Beraters der Königin hineinschauen. Dort im Zimmer stand die Königin vor der Wand mit den Gemälden und betrachtete diese. Geräuschlos schloss Agamemme wieder die Tür. Und grinste seinen Berater heimtückisch an. In dessen Hirn ratterten die Rädchen, was einen sonderbaren Eindruck hinterließ, da sie einer neuen Ölung bedurften.

"Es ist nicht die Königin", meinte er nach einer Weile.

"Es ist nicht die Königin", bestätigte Agamemme.

"Aber sie wird es bald sein."

"Sie wird es bald sein."

"Und dann wird sie dich heiraten."

"Dann wird sie mich heiraten."

"Und in der Hochzeitsnacht einen tragischen Tod erleiden."

"Nein."

"Was?"

"Was glaubst du, wird geschehen, wenn sie gleich in der Hochzeitsnacht stirbt?"

"Man wird denken, dass du sie geheiratet und anschließend umgebracht hast, um selbst König zu werden. Also werden sie dich anschließend lynchen."

"Eben. Deshalb wird sie kurz vor der Hochzeit einen tragischen Tod erleiden. Dann wird man denken, dass meine Gegner sie umgebracht haben, um die Hochzeit zu verhindern. Also wird man die lynchen. Und anschließend kann ich mich ungestört zum König machen."

"Genial."

"Absolut genial."

"Aber wer zum Henker ist das?"

"Weißt du noch, als ich vorletzten Monat zur Jagd in den Sümpfen der Verdammten war? Dort ist sie mir zufällig über den Weg gelaufen. Mit einem Rudel Gewitterziegen. Sie ist nichts weiter als eine einfache, ungebildete Ziegenhirtin aus den Sümpfen. Naiv und gehorsam."

Der Berater des Beraters der Königin schob die Tür ein wenig auf, so dass er gerade hindurchblicken konnte. Er betrachtete die Frau aus den Sümpfen. Und tatsächlich, die gleiche Größe, der gleiche Babyspeck, der sich nicht von der Zeit hatte wegschmelzen lassen wollen, und wenn man ihr den Staub aus dem Gesicht kratzte, vermutlich auch die gleichen rosa Wangen unter dem struppigem blonden Haar. Die Bewegungen wirkten ebenso ungeschickt wie bei der jung verstorbenen Königin, und der Blick ebenso verdutzt. Ein perfektes Ebenbild. Jeder, der es nicht besser wüsste, würde sich von diesem Mädchen täuschen lassen.

Azilles begann zu schnurren, weil er sich an all die Schokoladenplätzchen erinnert, die ihm in seinem früheren Leben serviert worden waren. Mit so einem Mädchen vom Lande als Königin würde man ein leichtes Spiel haben. Sie würde sich nicht zu widersprechen wagen, sie würde tun, was man ihr sagte. Was wusste sie schon von der Welt? Der Traum ihres ärmlichen Lebens war es vermutlich, einmal das königliche Schloss zu sehen. Und wenn man sie jetzt dort wohnen ließ, dann würde sie so stumm vor Ehrfurcht werden, dass sie alles tat. Alles. Und in ihrer Naivität nichts davon mitbekommen, was um sie herum geschmiedet wurde. Schon bald würde ihr Berater selbst König sein, und er, der Berater des Beraters der Königin, würde zum Berater des Königs aufsteigen.

"Hast du ihr erzählt, dass...." fragte Azilles.

"Nein", erwiderte Agamemme.

"Und dass..."

"Auch nicht."

"Aber..."

"Um Gottes Willen, nein."

"Doch nicht etwa..."

"Wo denkst du hin!"

"Und was ist mitů"

"Natürlich nicht."

"Gut, das wollte ich nur wissen."

"Lass dir von allen, die vom Tod der Königin wissen, versprechen, dass sie nichts bezüglich ihres Ablebens über die Lippen bringen werden. Zum Wohle ihrer Schädeldecken."

"Wird gemacht."

"Und lass sie vorsichtshalber alle in den Kerker werfen."

"Klar."

"Und wenn sie schon mal im Kerker sind, vielleicht kannst du sie dann auch gleich hinrichten lassen. Reine Vorsichtsmaßnahme."

"Ja, warum nicht."

"Und lass die Welt wissen, dass die Königin sich entschieden hat zu heiraten."

"Geht klar."

"Und jetzt werden wir aus unserem Zuckerstückchen eine Königin machen."

"Das werden wir", sagte der Berater des Beraters der Königin und verließ das Landhaus, um nach dem Berater des Beraters des Beraters der Königin zu schicken. Damit dieser sich mit seinem Berater besprechen könnte.



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